Andrea Chénier

Madrid: 18 Febbraio 2010

"Eine mehr als geglückte szenische Umsetzung von Gian Carlo del Monaco. Traditionelle Kostüme, die das überkandidelte Rokoko mit allen Facetten zeigte. Das faszinierendste allerdings waren die Masken und Perücken. Weiß geschminkte Gesichter und stark gezeigter stoischer Ausdruck, die Frisuren waren überdimensionale weiße Perücken. Also sterbende Dekadenz pur. Maskenbildner und Friseure vor den Vorhang. Alle Bühnenbilder waren der Zeit entsprechen und sehr geschmackvoll. Diese Produktion stammt aus Paris und wurde ausgeliehen. Zu dieser Idee kann man nur gratulieren. Die Sängerbesetzung international und hervorragend. In der Titelrolle mußte sich Fabio Armiliato nach der zweiten Pause wegen plötzlicher Indisposition ansagen lassen, und dennoch sang er einen fulminanten Chenier, mehr der lyrische Poet als der Revolutionsdichter. Das "fui soldato..." sowie „un bel di maggio" und auch speziell das große Liebesduett am Schluss, mit so schönen Pianophrasen waren vom Feinsten. Die Unpäßlichkeit merkte man nur ganz leicht im zweiten Akt, (das "Improviso" am Anfang war wunderbar) und auch nur dann wenn man Werk und Künstler sehr gut kennt. Als Maddalena Ihm zur Seite Daniela Dessi, die in der Rolle hervorragend ist. Sie singt es fast mädchenhaft, speziell im ersten Akt jugendlich und mit einer gewissen Leichtigkeit in der Stimme, aber mit genügend Dramatik für das "La mama morta". Dieses Künstlerpaar bürgt immer für allerhöchste Qualität. Carlo Gerard war Marco di Felice. Eine echte Verismo-Stimme. Er konnte gleich im ersten Akt stimmlich und schauspielerisch voll überzeugen. Voll der Hass auf die Aristrokratie im Anfang, weiter die Begierde für Maddalena, der er dennoch menschlich hilft. Auffallend gut die Bersi von Marina Rodriguez-Cusi. Eine schön klingende leichte Mezzostimme und auch sehr präsent in der Umsetzung der Rolle der treuen Dienerin, die in diesem Konzept am Ende des zweiten Bildes erschossen wird. Als Maddalenas Mutter gab es nach Jahren (Jahrzehnten?) ein Wiedersehen mit Stefania Toczyska. Die immer noch sehr attraktive Künstlerin wusste in dieser kleinen Rolle zu gefallen. Hervorzuheben noch sind die berührende Madelon von Larissa Diadkova und der extrem schleimige Incredibile des sehr schön singenden Carlo Bosi. Eine Studie im Spiel mit Chenier Angel Rodriguez als Abbate. Felipe Bou sang einen besorgten Roucher. In weiteren Rollen waren Marco Moncloa / Fleville und Fouquier-Tiville, Luis Cansino / Mathieu, Karoly Szemeredy / Schmidt, Pablo Garcia / Haushofmeister bei Cogny und Tomeu Bibiloni als Dumas sehr erfolgreich. Nicht unerwähnt sollen diverse Szenen von Ballett und Kompaserie bleiben, die viel zum Erfolg beitrugen. Am Pult hatte Victor Pablo Perez sowohl Orchester und Chor, dieser blendend studiert unter dem österreicher Peter Burian, sehr gut im Griff. Er ging auch sehr fürsorglich auf alle Sänger ein. Nach dem ich diese überdimensionalen Masken im ersten Akt sah, begriff ich die Länge der Pause (45 Minuten) zum zweiten Akt. Das ist für die drei Protagonisten sicher eine große Belastung und heißt eigentlich, sich frisch einsingen zu müssen. Man sah kein verstaubtes Operntheater, del Monaco bewies, es muss nicht alles zeitversetzt sein. Er kam auch ohne Fetzenkostümen, Koffer, Spitalsbetten und ähnlichen aktuellen Standardutensilien klar. An solche Abende könnte man sich gewöhnen."

Elena Habermann - DER NEUE MERKER